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Rundbrief 9 | Epilepsie und Rückenschmerz

by admin on September 2nd, 2013

Klinisch gibt es eine seltsam dialektische Beziehung zwischen Epilepsie und Schmerz – besonders Rücken- und Nackenschmerz -, die sich lohnt, besser zu verstehen.

Auf der neurologischen Station in Berlin (Abteilung Prof. Janz) erlebten wir, wenn ein Epilepsie- und ein Rückenschmerzpatient auf einem Zimmer lagen, immer wieder folgende Beziehungsdynamik: In den ersten Tagen waren die beiden ein Herz und eine Seele, der Rückenpatient betreute den Epilepsiepatienten rührend, wenn dieser einen Anfall hatte, half dem Gefallenen auf, verständigte die Schwester usw. Am 3.-7. Tag brachte der Rückenpatient plötzlich vor, er könne nicht mehr mit dem anderen sein, müsse auf der Stelle in ein anderes Zimmer verlegt werden. Ein Grund war nicht zu erfahren, umso heftiger kam die Forderung, mitleidlos in Gegenwart des Anfallskranken, der meist scheu, wortlos die Szene mit ansah und von dem ebenfalls keine Erklärung kam.

Manchmal brachte der Rückenpatient als Grund vor, er habe sich beim Herunterbeugen zum Gefallenen den Rücken verrenkt und nun erneut starke Schmerzen; das sei doch die Höhe, dass ihm das zugemutet werde. Das Argument, dass es nicht seine Aufgabe sei, dem Epilepsiepatienten zu helfen, nützte nichts.

Der Fallende – Fallsüchtige – ist das Gegenbild des überaufrechten, auf Selbstbehauptung bedachten „soldatischen“ Rückenpatienten, das, was dieser offenbar abwehren muss und initial durch die Helferrolle zu verleugnen, zu kompensieren versucht, was ihm letztlich aber durch die Gegenwart des Fallenden zu sehr auf den Leib rückt. Der Anfallspatient ist der, der „sich gehen lässt“, während der Rückenpatient sich „unter Kontrolle, in der Gewalt“ hat. Der Soldat ist nicht gestorben, nicht erschossen oder ermordet worden, sondern „gefallen“.

In militärisch-diktatorischen Zeiten sind Epilepsie-Kranke – besser: Anfallskranke – immer besonders diffamiert und ausgegrenzt worden, sie fielen in der NS-Zeit unter die Euthanasie. So sind vermutlich die Epilepsie-Zentren entstanden, noch mal abgesondert von den großen psychiatrischen Kliniken: Bethel, Kork; auch die Salpêtrière in Paris gehört dazu (3000 abgeschobene Frauen mit epileptischen und pseudoepileptischen Anfällen, mit Schmerz- und Tobe-Anfällen, also mit dissoziativen Erinnerungsanfällen).

Das „Mahnmal für den unbekannten Deserteur“, eine riesige Marmorplastik des türkischen Bildhauers Mehmet Aksoy – länger in Berlin lebend, inzwischen in seine Heimat zurückgekehrt -, fängt diese Dynamik unübertroffen ein. Die Plastik zeigt einen Hohlraum in Form einer menschlichen Gestalt: einen nach hinten fallenden Soldaten – man könnte sagen: einen Anfallskranken -, einen Nicht-mehr-Soldaten, denn die Gestalt selbst, der Soldat, ist ja weg, geflohen, desertiert. Er hat nur einen Hand- und Fußabdruck auf dem Marmorblock hinterlassen. Diese Plastik, 1989 zum 4o. Jahrestag der Bundesrepublik entstanden, löste enorme Kontroversen aus, sie durfte auf dem Feierplatz in Bonn nur einige Stunden und anschließend nirgendwo in unserem Lande länger stehen, sie wurde abgeschoben, wanderte nach Moskau, Honkong, wurde dadurch weltberühmt (auch die Salpêtrière ist, durch Charcot und nicht zuletzt durch Pierre Janet und Sigmund Freud, weltberühmt geworden!). Seit einiger Zeit steht das Mahnmal unbehelligt auf dem „Platz der Einheit“ in Potsdam, zusammen mit der Tafel, auf dem das Gedicht von Kurt Tucholsky „Mahnmal für den unbekannten Deserteur“ zu lesen ist.

Dass die frühere Hochburg des preußischen Militarismus dieser Plastik eine dauerhafte Heimstatt bietet, zeigt, dass sich in der Welt, in der Lebensauffassung unseres Landes, etwas ändern kann, und lässt hoffen, dass auch Epilepsie-Kranke und andere Anfallskranke (auch die Kranken mit dissoziativen Schmerzanfällen) mehr und mehr einen Ort, eine Heimstatt im Berufs- und sozialen Leben finden werden – und auch einen konzeptuellen Ort in der medizinischen Wissenschaft.

Später sind mir in Berlin und Köln immer wieder Patienten begegnet, die eine Epilepsie und Schmerz gleichzeitig hatten, meist hartnäckige Rücken-, oder Nackenschmerzen – dies sei bei über 50% der Epilepsiepatienten der Fall (Bahrs 1985). Die Epilepsie war bei meinen Patienten meist zuerst da, oft eine komplizierte, schwer zu behandelnde Epilepsie. Der Rückenschmerz begann, wenn die Anfälle medikamentös schließlich doch etwas – oder ganz – reduziert werden konnten. Die dann auftauchenden Nacken- oder Kreuzschmerzen waren immer resistent wie Granit, ich hatte den Eindruck, die (relative) Anfallsfreiheit, das Nicht-Fallen, Aufrecht-Bleiben wird mit übergroßer Anstrengung erkauft, mit tonisch-zwanghaftem Gegenhalten gegen das Fallen. Vermutlich führt der Weg zum Schmerz nicht nur über Muskelspannung, sondern über eine konflikthafte innere Vorstellung, den Konflikt zwischen Fallen und aufrechter Haltung (Selbstkontrolle) als komplementärer Existenzformen.

In der alten Bezeichnung „Fallsucht“ ist die paradoxe Dynamik von Anfall und Schmerz eingefangen: Epileptische Anfälle scheinen, trotz Unheimlichkeit, eine Art Gewinn zu bringen, auf den manche Betroffene schwer verzichten können, etwa als Möglichkeit, einer unerträglichen Situation oder Phantasie zu entfliehen: zu „desertieren“ – oder als Mittel, an eine Erinnerung/Phantasie außerhalb des realen Wachbewusstseins heranzukommen. Umgekehrt kann der „kontrollierte“ Schmerzpatient fallen in seinen Schmerzanfällen, z. B. Frau „Trecker“, die im Erstgespräch ihr mehrmaliges Hinstürzen im Schmerzanfall schildert (s. das Schmerz-Transkript von Frau Gülich 2003 und Kütemeyer 2003, 2006).

Therapeutisch war und bin ich mit diesen Patienten in der Zwickmühle: Die Optimierung der Epilepsiebehandlung würde womöglich die Rückenschmerzen noch verstärken, eine neue Idee zur Behandlung der Schmerzen würde womöglich zu vermehrten Anfällen führen (obwohl diese Befürchtung real nie geprüft, untersucht oder gar bestätigt wurde).

Bei Alkohol- und Drogensüchtigen gibt es eine identische Dynamik: Auch der Süchtige „lässt sich gehen“, kann den Rück-Fall oft nur durch zwanghaftes Gegenhalten vermeiden. Wenn Alkohol-oder Drogenabhängige „trocken“, „clean“ werden, bekommen sie nicht selten Rücken-Nacken-Kopfschmerzen. Wenn sie dann in die Klinik kommen, um ihre Schmerzen behandeln zu lassen, sage ich: ich nehme Sie nicht auf, die Rückenschmerzen sind der Preis, das Opfer Ihres Sieges über die Sucht; wenn Sie die Schmerzen verlieren, laufen Sie Gefahr, rückfällig zu werden. Meist empfehle ich aber doch eine dosierbare ambulante Psychotherapie.

Bahrs O (1985)
Gülich E (2003) Schmerzen erzählen Geschichten, Geschichten erzählen Schmerzen. Psychother Sozialwiss 5: 303-319 (H 3 „Erzählter Schmerz“)
Kütemeyer M (2003) Schmerzanfälle als Dissoziation. Psychother Sozialwiss 5: 32o-337
(H 3 „Erzählter Schmerz“)
Kütemeyer M (2006) Hysterie gestern und heute. Die Bedeutung Piere Janets für die Neurologie der Zukunft. In: Fiedler P (Hrsg) Trauma, Dissoziation, Persönlichkeit. Pierre Janets Beiträge zur modernen Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 55-64. Lengerich: Pabst Science Publishers