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Rundbrief 5 | Raynaud-Phänomen – Digiti mortui

by admin on March 28th, 2010

Die anfallsartige, meist durch Kälteexposition ausgelöste Taubheit und Leichenblässe der Finger mit dem Gefühl des Abgestorbenseins (Digiti mortui) wird auf eine Übererregbarkeit von α2-Rezeptoren zurückgeführt. Diese Auffassung leuchtet ein, erklärt aber nicht, warum oft nur einzelne Finger betroffen sind, sogar nur ein Fingerabschnitt und in vielen Fällen gerade nicht der distale.
Passager exazerbierende Phasen können zu einem besseren Verständnis beitragen. Biographisch scheint die symbiotische Verbindung mit einer gestorbenen Person bedeutsam: Eine 45-jährige verheiratete Sekretärin koreanischer Herkunft wird auf unserer Station wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) mit quälenden Albträumen und Schlafstörungen behandelt, die seit einem unverschuldeten Autounfall bestehen, bei dem der gegnerische Motorradfahrer ums Leben kam. Im Zuge der wiedererlebten todbringenden Unfall-Szene taucht bei der Patientin die Erinnerung an den vor 30 Jahren im Heimatland vermissten Vater auf, der Wochen später ermordet gefunden wurde. In den Gesprächen darüber wird ihr klar, dass sie in ihrer Ehe wegen der Pflege der MS-kranken Schwiegermutter auf eigene Kinder verzichtet und, gleichsam im Bündnis mit dem toten Vater, wie in einer Gruft gelebt hat. Zeitgleich zeigt sie der betreuenden Ärztin allabendlich, ratlos von draußen kommend, ihren kalten, blutleeren Finger: immer ist, wie ausgestanzt, das Mittelglied des linken Ringfingers betroffen. Das jeweils genaue Betrachten und Untersuchen der Hände – das ärztliche Bekümmern um das Symptom -, beruhigt die Patientin mehr als die verordneten Armbäder. Nach der Probedeutung: „jetzt weihen Sie nicht mehr Ihre ganze Person, sondern nur noch den Gelöbnisfinger dem toten Vater“, klingt die Störung ab.
Intensität, anfallsartiges Auftreten, vor allem die unanatomisch ringförmige scharfe Begrenzung über den Fingergelenken, diese typischen Merkmale sprechen für eine dissoziative, eine Konversionskomponente der Störung. Im Zuge der Lösung aus der symbiotischen Verklammerung hat vorübergehend der Finger (digitus mortuus) – stellvertretend / pars pro toto – die identifikatorische Verbindung mit dem toten Vater übernommen. Die „Besetzung“ der Hand, des Fingers mit der „Idee“ des Toten kann nach der Deutung des passageren Symptoms aufgelöst, der Finger wieder „frei“ werden.